Zukunftskongress Gartenbau

Ein bisschen was von zurück in die Zukunft hatte es schon, dass ausgerechnet Ilse Aigner ihr Grußwort zur Eröffnung des Zukunftskongresses Gartenbau als wandfüllende Videobotschaft erstrahlen ließ. Weit weniger virtuell als ihre Erscheinung war die beruhigende Botschaft der Bundeslandwirtschaftsministerin: der deutsche Gartenbau brauche aus internationaler Sicht keinen Vergleich zu scheuen, schließlich sei die Produktion auf einem technisch hohen Stand und zudem verstünden es die Hersteller von Gartenbautechnik, erfolgreich auf internationalen Märkten zu operieren. Ähnlich wie der unlängst wiedergewählte Präsident des Zentralverbandes Gartenbau, Heinz Herker, zeigte sich Aigner gespannt darauf, „welche innovativen Gedanken die Diskussion hervorbringt“.

Und diskutiert wurde reichlich an den zwei Tagen Mitte September in Berlin-Adlershof. Als Themenblöcke vorbereitet hatten die Veranstalter die Veränderung von Märkten und Gesellschaft, Klimawandel, Energie- und Technikfragen, Marketing von Produkten und Dienstleistungen sowie Ausbildungsfragen.

Klimawandel

Den deutschen Gärtnern Entwarnung, was die Gefährdung ihrer Existenzgrundlage durch die zukünftig zu erwartenden Klimaänderungen angeht, gab Dr. Matthias Fink vom IGZ Großbeeren. Schließlich könnte zwar die Jahresmitteltemperatur in absehbarer Zeit um bis zu 3 Kelvin steigen und gleichzeitig die Niederschlagsmenge in einigen Gebieten abnehmen, dies seien allerdings technische Herausforderungen, die durchaus in den Griff zu bekommen sind, so Fink. Frank Thyrolf vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sah in einer staatlich geförderten kollektiven Mehrgefahrenversicherung die Lösung für die Zukunft, während sich Prof. Dr. Günther Schumann vom Julius Kühn-Institut, viel von den modernen Züchtungsmethoden versprach. Dr. Georg Unger, ebenfalls Julius Kühn-Institut, wies auf die Schäden hin, die so genannte invasive Schadorganismen, also gewissermaßen die blinden Passagiere des globalisierten Handels, sowohl im Gartenbau als auch in der Kulturlandschaft verursachen.

Energie und Technik

Angesicht von Lohnkosten und der zuweilen problematischen Arbeitskräfteverfügbarkeit führe an einer fortschreitenden Automatisierung kein Weg vorbei, so Dr. Martin Geyer vom Institut für Agrartechnik Bornim. Dass dies nicht immer einfach ist, zeigte Christian Bornstein am Beispiel des von ai Solutions vertriebenen Spargelpanthers. Prof. Dr. Arno Ruckelshausen von der Fachhochschule Osnabrück äußerte sich allerdings auch angesichts teils riesiger Investitionssummen für die Entwicklung neuartiger Maschinen zuversichtlich, dass Bonitur-, Gurkenernte-, und Rosenschnittroboter in Bälde bereits keine Zukunftsmusik mehr sind. Eine faszinierende Möglichkeit, Vorgänge im Inneren von Pflanzen beobachten zu können, stellte Prof. Dr. Ulrich Schurr vom Forschungszentrum Jülich vor. Prof. Dr. Hans-Jürgen Tantau von der Universität Hannover beleuchtete die so genannte Zukunftsinitiative Niedrig-Energie-Gewächshaus mit einem fossilen Brennstoff-Einsparpotential von 90 %, bevor Ernst Meerkamp vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Grünschnittrecycling als alternative Energiequelle empfahl.

Wertschöpfungsketten

Zwar steigend, aber in seiner Bedeutung noch marginal ist der Vertriebsweg Internet beim Absatz von Blumen und Pflanzen, so der ehemalige ZMP-Mitarbeiter Richard Niehues. Die Wünsche des Verbrauchers im Blick zu haben, empfahl Prof. Dr. Detlev Reymann von der FH Wiesbaden. Dr. Bente Jacobsen vom Zentralverband Gartenbau plädierte dafür, einen Blick über die Produktionskosten hinaus auf die gesamte Wertschöpfungskette zu werfen. Dr. Hans-Christoph Behr von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft schilderte, dass jene Gemüsearten, deren Anbauflächen in der Vergangenheit am meisten zunahmen, auch diejenigen waren, die der Preisverfall am stärksten betraf und stellte die Frage, wie sich Preisrückgänge auffangen lassen. Dr. Walter Dirksmeyer vom Johann-Heinrich von Thünen-Institut sah den internationalen Handel und die Einkaufsmacht der Supermärkte als größte Hürden auf dem Weg zu besseren Preisen. Prof. Dr. Ulrich Enneking von der Fachhochschule Osnabrück hingegen fand den Schuldigen in der deutschen Preisorientierungs-Verbrauchermentalität. Wilfried Kamphausen von QS sah Erzeuger- und Vermarktungsorganisationen in der Pflicht, Produktinnovationen anzustoßen.

Aus- und Weiterbildung

Zwei miteinander unvereinbare Entwicklungen, die nichts Gutes für die Zukunft erwarten lassen, erläuterte Ralf Kretschmer vom ZVG-Ausschuss für Bildungspolitik im Hinblick auf die Ausbildungssituation: einer immer unvernünftigeren Ausbildungsreife stünden immer höhere Ansprüche gegenüber. Wie sich diese Kluft überbrücken lassen könnte, schilderte Gabriele Schwantge vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau anhand des Ausbildungsförderwerks Augala. Für projektorientiertes Lernen auch an der Berufsschule setzte sich der Vertreter der Arbeitsgemeinschaft europäischer Gartenbaulehrer, Johannes Peperhove, ein. Prof. Dr. Georg Ohmayer von der Fachhochschule Weihenstephan konnte in einer Absolventenbefragung ermitteln, dass immerhin 71 % der FH-Absolventen und 63 % der Universitätsabgänger wieder Gartenbau studieren würden.

Produkte und Dienstleistungen

Global gesehen bietet das Segment Zierpflanzen Garry Grüber von Cultivaris zufolge durchaus noch Wachstumspotenzial, allerdings sei es unwahrscheinlich, dass dies von Deutschland aus erschlossen werden könnte. Von seinen Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen berichtete Christian Engelke vom Bundesverband der Einzelhandelsgärtner. Auf die möglichen Auswirkungen eines weiteren Ansteigens der Kremationsrate oder anderer alternativer Bestattungsformen wies Lüder Nobbmann vom Bund deutscher Friedhofsgärtner hin. Jan-Dieter Bruns, Bruns Pflanzen Export, meinte, dass auch ein breites und zugleich tiefes Sortiment einen nicht davor bewahre, Ware kurzfristig zur Verfügung stellen können zu müssen. Der Gründer der „Gärtner von Eden“, Fred Fuchs, bekräftigte die Bedeutung des Marketings auch im Dienstleistungsbereich, was er auch am deutlichen Umsatzplus in Folge der bundesweiten Imagekampagne GaLaBau festmachte.

Tim Jacobsen

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