Zuversicht in Papenburg

44. Herbsttagung der Fachgruppe Gemüsebau

Deutscher Gemüsebau – Zukunft schaffen!“, so das Motto der diesjährigen Herbsttagung der Fachgruppe Gemüsebau im Bundesausschuss Obst und Gemüse, die auf Einladung des Fachverbandes Gemüsebau im Wirtschaftsverband Gartenbau e.V. und der Gartenbauzentrale Papenburg eG in Papenburg stattfand. Bereits am Mittwoch, 18. November, tagten einzelne Gremien; am Donnerstagabend fand eine Exkursion zur Gartenbauzentrale und zur Meyer-Werft statt, die mit einem Abendessen im Betrieb Gerhard Schulz ausklang. Auch am Samstag gab es noch einen Programmpunkt; den Besuch im Betrieb Wolfgang Mählmann, Cappeln, ließen sich nur Wenige entgehen."

Zum öffentlichen Teil der Delegiertentagung am Freitag, 20. November, konnte der Vorsitzende der Fachgruppe Gemüsebau, Gerhard Schulz, zahlreiche Besucher begrüßen. Zentrales Thema war nach einer bekanntermaßen in weiten Teilen preislich katastrophalen Saison 2009 die Zukunftsfähigkeit des deutschen Gemüsebaus. Die geladenen Referenten beleuchteten nicht nur die möglichen Ursachen der Misere, sondern erörterten auch das Konsumentenverhalten, den Strukturwandel sowie die Rolle des deutschen Gemüsebaus innerhalb des europäischen Wettbewerbs und zeigten Zukunftsperspektiven auf.

Gemüsebau in Niedersachsen

Von rund 12 000 ha Fläche im Jahr 1960 hat sich der niedersächsische Freilandgemüseanbau nach Rückgängen in den 80er Jahren heute auf mehr als 18 000 ha ausgedehnt, wie Dr. Horst zum Eschenhoff, Landwirtschaftskammer Niedersachsen, berichten konnte. Seit Anfang der 90er Jahre haben dabei besonders Spargel (heute mit über 4 000 ha Deutschlands größtes Anbaugebiet), Eissalat und Erdbeeren an Fläche zugelegt. Fast 70 % des deutschen Eissalates wachsen in Niedersachsen, ebenso 44 % des deutschen Grünkohls sowie jeweils rund ein Drittel des deutschen Brokkolis, Schnittlauchs und Romanasalates. Wie in vielen anderen Gebieten auch, hat sich in den letzten 15 Jahren die Zahl der Betriebe mehr als halbiert. Zahlreiche Betriebe sind dank Rationalisierung so groß, dass sie den LEH direkt beliefern können. Wichtig sei es, Marktveränderungen und Änderungen in der Bevölkerung, die das Konsumverhalten beeinflussen, wahrzunehmen, betonte Dr. zum Eschenhoff.

Bestimmungsgründe des Strukturwandels

Der sich derzeitig abzeichnende Strukturwandel hin zu größeren Produktionseinheiten und dem Ausscheiden überwiegend kleinerer Unternehmen ist keine ganz neue Erscheinung, sondern hat sich in den letzten 40 Jahren mehr oder weniger kontinuierlich vollzogen, wie Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann, Humboldt-Universität Berlin, erläuterte. Mit den Erzeugerpreisen allein lassen sich diese Beobachtungen allerdings nicht erklären, so der Referent.

Nicht nur die Produktionsflächen wurden ausgeweitet, auch die produzierten Mengen pro Flächeneinheit sind gestiegen. Große Betriebe zeigen häufig ein immenses Wachstum, die Flächen werden zunehmend räumlich konzentriert, eine Spezialisierung ist wichtig für die Betriebe. Während man früher von einem „friedlichen Wachstumswettbewerb“ sprechen konnte, herrscht heute ein intensiver Verdrängungswettbewerb. Bestimmungsgründe des Strukturwandels sind unter anderem technischer Fortschritt, das Einsparen von Lohnkosten durch Mechanisierung, die heutige Bedeutung der Wertschöpfungsketten sowie als Rahmen die volkswirtschaftliche und demografische Entwicklung. In der Investitionstätigkeit spiegeln sich die Zukunftserwartungen; so wird in vielen Freilandgemüsebaubetrieben kaum noch investiert, in einigen wenigen hingegen sehr stark.

Die Einkaufsstätten für Frischgemüse haben sich zugunsten der Discounter (heute 51 %) verlagert. Auf Einzelhandelsebene dominiert der Preiswettbewerb, während die Anforderungen an die Lieferanten hinsichtlich Service und Logistik stetig steigen. Die Kooperation mit Partnerbetrieben kann in diesem Zusammenhang eine (notwendige) Lösung sein, meinte Prof. Bokelmann.

Doch wie sollte sich der Unternehmer bei zunehmendem Wettbewerb verhalten? Die strategische Planung gewinnt bei der Unternehmensführung immer stärker an Bedeutung. Entwicklungsmöglichkeiten können der Eintritt in neue Märkte sein, beispielsweise der wachsende Ökomarkt, oder die Differenzierung im Sortiment durch Convenienceartikel, Markenbildung oder Produktneuheiten. Wichtig ist auch eine so genannte „Kettenkompetenz“, das heißt, Qualitätssicherheit sollte über die gesamte Lieferkette gewährleistet sein. Dafür muss der Unternehmer die anderen Glieder der Wertschöpfungskette, insbesondere die direkt vor und direkt nach dem eigenen Unternehmen Beteiligten mit ihren Bedürfnissen, gut kennen.

Der europäische Gemüsemarkt

Analysen, Trends und Zukunftsperspektiven im europäischen Gemüsemarkt beleuchtete Christian Schmidt von der BEHR Iberia S.L.U., einem spanischen Handelsbetrieb innerhalb der Behr AG Gruppe. Die Behr AG produziert an sieben Standorten in fünf Ländern (Deutschland, Spanien, Polen, Rumänien und Portugal) auf rund 5 200 ha Salate und andere Freilandgemüsearten. Die Gruppe besteht aus Produktions-, Dienstleistungs- und Handelsbetrieben. Salate, Kohlrabi, Chinakohl und Möhren können ganzjährig angeboten werden, die übrigen Gemüsearten saisonal. Die Behr AG setzt auf Wachstum in der Zukunft, betonte Schmidt.

Die weltweite Produktion von Gemüse hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt, wobei der europäische Anteil an der Gesamtmenge von 17 % (1985) auf 11 % (2005) gefallen ist. Hauptanbaugebiete sind in Asien und aufstrebend Afrika. Innerhalb der EU 27 sind Spanien und Italien mit Abstand die größten Gemüseproduzenten, gefolgt von Frankreich, Polen, den Niederlanden und Griechenland. Deutschland folgt erst an siebter Stelle.

Der Selbstversorgungsgrad der EU mit Gemüse liegt bei 97 %, Importe sind also unnötig. Innerhalb der EU sind Spanien, die Niederlande, Italien und Polen Exportländer, während Deutschland mit 37 % Selbstversorgungsgrad ein Importland ist. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von rund 200 kg Gemüse pro Jahr sind die Italiener einsame Spitzenreiter innerhalb der EU 27. Spanier und Franzosen folgen mit knapp 150 kg. Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch ist zwar in den letzten Jahren sachte angestiegen, liegt aber mit rund 85 kg noch weit unter seinen Möglichkeiten. Hier sieht Schmidt noch klare Chancen, ebenso wie im Biomarkt und im Conveniencebereich.

Folgende Konsumententrends zeichnen sich laut Schmidt ab: Der Verbraucher von heute sucht nach Lebensqualität und Sinngebung des Produktes. Die Ernährung gerät im hektischen Alltag einerseits zur Nebensache, wo zwischendurch ein paar Chips `reingeschoben werden, andererseits werden – vor allem an Feiertagen – Mahlzeiten bewusst zelebriert. Gesundheit, Convenience und Wohlbefinden sind heute wichtige Trends. Wir Gemüsebauer haben die gesunden und knackigen Produkte, mit denen die Industrie oft wirbt, betonte Schmidt: „Ich denke, dass der Konsument nur darauf wartet, in die gesunde und frische Welt des Gemüses einzutauchen!“

Trotz des Geiz-ist-geil-Wahns gibt es zunehmend Verbraucher, für die nicht der Preis, sondern das Preis-Leistungs-Verhältnis ausschlaggebend ist. Mit dem ewigen Billigboom gehen auf Dauer Preisrelationen und Qualität der Produkte verloren, was nicht im Sinne des Verbrauchers und des Einzelhandels sein kann. „Ich bin überzeugt, dass der Verbraucher gute Produkte auch gut bezahlt“, meinte Schmidt. Es gelte nun, mit entsprechenden Informationen und Marketing den Konsumenten auf unsere Seite zu ziehen.

Wie versuchen europäische Anbauer, das Ausbluten des Gemüsebaus zu stoppen? Der Referent zeigte verschiedene Konzepte als Antwort auf: eine Erhöhung der Verkaufsqualität durch gute Verkaufsprofis, die den Einkäufern des LEH etwas entgegensetzen können. Kostenreduzierungsprogramme, eine Konzentration der Offerten oder der Anschluss an eine Handelskette könnten weitere Lösungsansätze sein. Unternehmen mit der richtigen Strategie für ihre Situation verbessern ihre Rentabilität. Größe und Europäisierung auf Erzeugerseite schafft mehr Gleichgewicht.

Der europäische Gemüsebau wird nicht sterben, prophezeite Schmidt, denn kein außereuropäisches Land ist in der Lage, den Bedarf zu decken. Die Sommeranbaugebiete sind sicherer als die Winteranbaugebiete, jedoch werden die neueren EU-Mitglieder (z.B. Polen) ihren Anbauanteil beanspruchen. Konsumbeeinflussung und Konsumentenbeeinflussung sind die Stellschrauben, um den Gemüseabsatz nachhaltig voranzubringen. Haben wir wirklich eine Überproduktion, oder müssen wir nicht eher von einem „Minderkonsum“ sprechen, fragte Christian Schmidt abschließend.

Verändertes Verbraucherverhalten

Aus erster Hand gab es die Beobachtungen zum veränderten Verbraucherverhalten im Gemüseverzehr von Rudolf Deitert, GfK Panel Services Deutschland. Eine Trendwende zeichnet sich dahingehend ab, dass immer mehr Konsumenten beim Einkauf auf Qualität und auch auf Regionalität achten. Tröstlich für Gemüseproduzenten: die klassischen Gemüsekäufer gehören zur Bevölkerungsschicht der krisensicheren Haushalte, steigende Arbeitslosenzahlen werden den Gemüseabsatz also nicht so stark treffen.

Mengenmäßiges Lieblingsgemüse ist in Deutschland allen voran die Tomate, gefolgt von Möhre, Zwiebel, Gurke, Paprika und Eisbergsalat. Beim Biogemüse führt die Möhre; Zucchini und Tomate belegen die folgenden Plätze. Allgemein läuft der Biosektor nicht schlecht, aber stagniert aktuell ein wenig. 25 % des Biogemüses werden in Deutschland bei Aldi verkauft!

Die Einstellung der Verbraucher zur Ernährung hat sich verändert, begünstigt durch Zeitknappheit und geringe Kochfähigkeit. In den letzten 15 Jahren ist der Anteil der „traditionellen Gewohnheitsköche“ von 28 auf 10 % gesunken, während der Anteil der „unkritischen Fast Food Typen“ von 14 auf 28 % sowie der der „gemütlichen Couch Potatoes“ von 17 auf 20 % gestiegen ist. Doch wider Erwarten isst auch der „Fast Food Typ“ Gemüse – wenn es seinen Verzehrsgewohnheiten entsprechend bequem aufbereitet ist wie etwa Salatherzen oder schüsselfertige Salate.

Obst und Gemüse haben noch eine weitere wichtige Funktion: sie ziehen Kunden in den Laden! Die meisten Kaufbewegungen verzeichnet der Einzelhandel bei der Warengruppe Obst und Gemüse. Bei jedem zweiten Einkauf landen Obst oder Gemüse im Einkaufskorb. Mit Obst und Gemüse profiliert sich der LEH. Die Bedeutung der Discounter wächst langfristig nicht nur im gesamten Frische-Segment, sondern insbesondere auch bei Frischgemüse an. Allerdings hat die Preisoffensive der Discounter in 2009 dort nicht zu Käufer- oder Frequenzzuwächsen geführt.

Optimierung des deutschen Gemüsebaus

Gedanken zur Optimierung des deutschen Gemüsebaus hatte sich Karl Voges, Geschäftsführer der Gartenbauzentrale Papenburg eG und Vorsitzender der Marktvereinigung Nord, gemacht. Wie soll es nach dem überaus enttäuschenden Jahr 2009 in der neuen Saison weitergehen? Bei den Discountern sind die Preise rückläufig, vielleicht 2010 noch tiefer. Sie liefern sich einen erbitterten Preiskampf, während die Lieferanten steigende Kosten tragen müssen. Bleiben für 2010 die Gemüsemengen gleich, werden die Preise gegenüber diesem Jahr nicht steigen, prophezeite Voges.

Als einzige Chance für den Produzenten sieht er, die Kostenführerschaft zu übernehmen. Kosten zu reduzieren – das geht! Jeder Unternehmer müsse seine betriebliche Situation individuell analysieren hinsichtlich Finanzierung, Kulturarten, Vermarktungsform, Kostenstrukturen, etc. Als weitere Faktoren, die für den Betriebserfolg entscheidend sind, nannte Voges: Gewächshäuser gut in Schuss zu halten, ein schlüssiges Energiekonzept, gut ausgebildete Mitarbeiter, die den Chef abkömmlich machen, sowie sich um gärtnerischen Nachwuchs zu kümmern. Dazu gehöre auch, nicht stets in der Öffentlichkeit zu jammern, denn sonst sei man kein attraktiver Arbeitgeber.

Auch die Vermarkter müssten ihren Beitrag leisten. Sie sollten einen breitgefächerten Kundenkreis bedienen, ebenfalls ihre Kosten minimieren, die größten Kostenblöcke regelmäßig überprüfen und gegenüber ihren Mitgliedern transparent handeln. Die Vermarkter müssten ihren Weg für die Zukunft suchen, Größe allein sei nicht entscheidend, schloss Voges.

In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Christian Schmidt, Rudolf Deitert und Karl Voges unter der Moderation von Gerhard Schulz war man sich einig, dass Gemüsebauer die Verbraucher besser informieren müssen, um sie auf ihre Seite zu ziehen; sei es durch Partnerschaften für Kindergärten, die Einladung von Klassen in die Betriebe oder Tage der offenen Tür. Ebenso wichtig sei gut geschultes Verkaufspersonal, das sich auf die Warenpflege in der Gemüsetheke versteht. „Dem deutschen Gemüsebau eine Zukunft schaffen - das können nur wir Gärtner selbst“, lautete das Resümee.

Sabine Aldenhoff
Sonderheft Saisonarbeitskräfte
Suche und finden
Bejo Gemüsesaatgut 2009/2010
Anmeldung

für den geschlossenen Mitgliederbereich