Obstgroßmarkt Spanagel, Eriskirch

Zwischen Breisach und Lindau verläuft die Bundesstraße 31 auf einer Strecke von rund 200 km. Die Abschnitte entlang des nördlichen Bodenseeufers zählen zu den am stärksten befahrenen Straßen in Deutschland. An die 28 000 Fahrzeuge passieren beispielsweise täglich den Ort Eriskirch. Für jemand, der Obst vermarkten will, könnte die Lage nicht besser sein.

Das war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass Josef Spanagel seinen Obstvermarktungsbetrieb an den Ortsrand verlegt hat. Der Neubau einer Umfahrungsstraße ermöglichte es der Gemeinde, in bislang unbebautem Gelände Gewerbeflächen von 35 000 m² auszuweisen, um das Unternehmen umzusiedeln. Was in einem Satz erzählt ist, war allerdings eine mehrjährige höchst aufwändige Angelegenheit, bei der letztlich auch das Stuttgarter Wirtschaftsministerium einbezogen war. Denn der Flächenausweisung ging eine Änderung des Regionalplanes voraus.

Nach gut einjähriger Bauzeit nahm Josef Spanagel am neuen Standort Ende Juli den Betrieb auf, wobei schon Mitte Mai die ersten Äpfel versuchsweise die neue Sortieranlage durchliefen. Mit einer Verarbeitungskapazität von jährlich 35 000 t sowie einer Kühl- und Lagerkapazität von insgesamt 21 000 t zählt das Unternehmen, das als Obstgroßmarkt Eriskirch Josef Spanagel firmiert, zu den größeren Vermarktungsbetrieben am Bodensee. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre hat es jährlich zwischen 22 000 und 26 000 t Obst sortiert, abgepackt und vertrieben, was einem Viertel der von der Marktgemeinschaft Bodenseeobst eG (MaBo) erfassten Erntemenge entspricht. 2008 waren das 12 400 t Äpfel, jeweils 1 000 t Birnen und Erdbeeren sowie an die 700 t Zwetschen, womit die wichtigsten Obstsorten genannt sind. Lieferanten sind Erzeuger aus dem Gebiet zwischen Lindau, Ravensburg und Friedrichshafen. 

Insgesamt zehn private Vermarkter bilden die MaBo. Gemeinsam mit acht genossenschaftlichen Erfassungsbetrieben unter dem Dach der Württembergischen Obstgenossenschaft eG (WOG) vertreiben sie jährlich zwischen 250 000 und 270 000 t Äpfel. Sie alle sind Gesellschafter der Vertriebsgesellschaft mbH Obst vom Bodensee (OvB) und nutzen die Markenbezeichnung „Obst vom Bodensee – In der Sonne gebadet“.

Obst-vom-Bodensee-Weg 1 lautet auch die neue Anschrift des Obstgroßmarktes Spanagel. Denn der Eriskircher Gemeinderat benannte so die Zufahrt zum Firmengelände vom Anschlusskreisverkehr an die Bundesstraße 31. Diese Form der Wirtschaftsförderung hat ihren Grund. Die landwirtschaftliche Nutzfläche der Gemeinde Eriskirch von rund 520 ha ist zur Hälfte mit Obstanlagen bepflanzt. Weiterhin kultivieren die Landwirte auf großen Teilen ihrer Ackerflächen Erdbeeren. Neben dem Geschäft mit Feriengästen sind die Landwirtschaft und der Obstgroßhandel wichtige Wirtschaftszweige.   

Es versteht sich von selbst, dass Josef Spanagel im Neubau modernste Technik nutzt. Eine achtbahnige Sortiermaschine mit 45 Wasserwannen des niederländischen Herstellers Greefa bewältigt 24 t Äpfel in der Stunde. Vollautomatisch und computergestützt werden die Früchte auf die Reise durch die Anlage geschickt, wobei die „Identität“ eines jeden Apfels mit digitalen Kameras festgestellt und dokumentiert wird. Unter anderem werden Umriss, Durchmesser, Farbe, Festigkeit und die innere Beschaffenheit ermittelt. In bis zu 45 Kaliber aufgeteilt, gelangen die Früchte auf sieben Verpackungslinien, wo sie entsprechend des jeweiligen Auftrags verpackt werden: in Foodtainer à 1 kg, in Einheiten von 3 oder 7 kg gelegt, von 13 kg lose, eingeschweißt, mit Schrumpffolie umhüllt oder in Plastikbeuteln abgefüllt oder mit einzelnen Labeln versehen. Bis zu 200 t am Tag schafft das Unternehmen mit der neuen Packstation des Südtiroler Herstellers und europäischen Marktführers Longobardi, was einer Verdopplung der bisherigen Kapazität entspricht.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Josef Spanagel immer wieder über eine Aussiedlung nachgedacht, am alten Standort im Ortsetter von Eriskirch war keine Entwicklung mehr möglich. Insgesamt 20 Mio. € hat er in den Neubau investiert. Sein Vater, der ebenfalls Josef Spanagel hieß, hatte 1928 damit begonnen, Äpfel vom Bodensee zu vermarkten, schon in den 1930er Jahren reichten die Geschäftsbeziehungen bis nach Dresden, Leipzig und Danzig. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde aus dem Großmarkt eine staatlich gelenkte Sammelstelle, von 1946 an verkauften die Spanagels wieder in eigener Verantwortung. „Nach der Währungsreform ging es aufwärts“, erzählt Josef Spanagel, der das Unternehmen 1955 im Alter von 24 Jahren übernommen hat und 1970 zusammen mit seinen Mitbewerbern Eduard Widemann aus Markdorf und Bruno Höllmann aus Lindau die Marktgemeinschaft Bodenseeobst eG gegründet hat.

Diese Initiative hat sich im Rückblick als wegweisend und existenzsichernd erwiesen, denn als Erzeugergemeinschaft konnten die Vermarkter ebenso wie Genossenschaften öffentliche Zuschüsse in Anspruch nehmen. Weitere Aspekte des unternehmerischen Miteinanders sind ein gemeinsames Marketing und eine intensive Beratung der Erzeuger. „In der Region Bodensee hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zuletzt durch diese Form der Kooperation ein hohes Maß an Professionalität entwickelt, angefangen von der Pflege der Anlagen und der Beratung bis hin zur Vermarktung. Die gute Entwicklung meines Unternehmens ist darin eingebettet“, sagt Josef Spanagel.

Heute beschäftigt der Obstgroßmarkt Eriskirch rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darunter sind die beiden Töchter Josef Spanagels, Christine Büchele und Cornelia Stadler. Spanagel selbst arbeitet bis zu 13 Stunden am Tag, bei ihm laufen die Fäden zusammen. Auf die Frage, woher er seinen bemerkenswerten unternehmerischen Mut und seine Leistungsfähigkeit bezieht, antwortet er: „Aus der Zuversicht sowie aus der Freude an der Arbeit und an der erstklassigen Produktqualität, die die Erzeuger in unserer Region erzielen.“

Silvia Faller
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