20. Augustenberger Obstbautag

Auf 21 000 ha wird in Baden Württemberg Obst erzeugt, so Dr. Ulrich Roßwag, Abteilungsleiter Landwirtschaft im Regierungspräsidium Karlsruhe, zu Beginn des diesjährigen Augustenberger Obstbautages im voll besetzten Tagungsraum der Begegnungsstätte Karlsruhe-Grötzingen. Grund für die positive Resonanz der Praktiker war sicher nicht nur die nach 20 Jahren bereits zur Tradition gewordene Veranstaltung, sondern auch ein vielfältiges Programm, das die Obstbauer ansprach.
Veranstaltet wurde der Obstbautag vom Regierungspräsidium Karlsruhe gemeinsam mit dem Landratsamt Karlsruhe, Bruchsal. Abgerundet wurde die Vortragsreihe mit einer Ausstellung von ca. 100 verschiedenen Sorten Äpfel, Birnen und Zwetschen, die von den Besuchern verkostet werden konnten. Somit bot sich eine Gelegenheit zum Austausch unter Praktikern über Sortenwahl u.ä.
Lagerung Anno 2009
Aktuelle Erkenntnisse zur optimierten Lagerung von Kern- und Steinobst stellte Wim Schmitz, Lagerberater aus den Niederlanden, vor. „Eine erfolgreiche Obstlagerung ist nur möglich durch vereinte Erkenntnisse von Produktphysiologie und Lagertechnik“, so Schmitz eingangs. Je länger die Lagerperiode anhält, umso höher sind die Anforderungen an die Kälte- und CA-Technik. Jedoch mangelnde Kenntnis darüber, wie das Produkt auf Veränderungen in der Lagerführung reagiert, ist eine Ursache für hohe finanzielle Verluste. Beim Kauf neuer Kühltechnik empfiehlt Schmitz, Zieldaten zu vereinbaren. Als Beispiel nannte er Gewichtsverlust, Laufzeiten sowie Stromverbrauch. „Obwohl oft der komplette Jahres-Betriebsertrag in den CA-Räumen lagern, vertrauen noch zu viele der automatischen Digitalanzeige“, beanstandet Schmitz. Jedes Jahr melden sich mehrere Betriebe bei Schmitz mit Problemen durch Gärung als Folge von Sauerstoffmangel. Dieses Problem ist zu vermeiden, indem man wöchentlich eine manuelle Messung durchführt. Dafür gibt es handelsübliche Handmessgeräte zu erschwinglichen Preisen, so Schmitz.
Mehrfache wöchentliche Kontrollen in vielen CA-Lagern gehören zu Schmitz’ Arbeitsalltag. So gewann der Niederländer zahlreiche Erfahrungen, die er beim Obstbautag vorstellte. „Die relative Luftfeuchte informiert nicht über den Gewichtsverlust“, so seine Erfahrung. Dagegen informiert die Kondensatwassermessung über die Wirkung der Technik und die Höhe des Gewichtsverlusts. Eine Messung pro Verdampfer gibt Aufschluss über die einzelne Wirkung und Entfeuchtung. Schmitz stellte auch fest, dass eine gedrosselte Ventialatorleistung oft den Gewichtsverlust erhöht, ohne dass der Energieverbrauch eingespart wird. Dagegen zeigte sich, dass sich, wenn die Ventilatorleistung bis zu 50 % der Tageszeit ausgeschaltet wird, die höchste Stromersparnis ohne Qualitätsverlust erzielen lässt. Der Lagerberater empfahl Kleinbetrieben, mit Hydrathkalk anstatt mit Aktivkohleadsorber zu arbeiten, was sowohl Kosten als auch Ärger mindert.
Abschließend rief Schmitz die Obstbauer zur absoluten Disziplin bei der Lagerung auf. „Es ist sehr wichtig, dass regelmäßig kontrolliert wird – und zwar vom Betriebsleiter selbst“, so Schmitz. Täglich sollten die kälteste und wärmste Fruchttemperatur, die Kühldauer und Häufigkeit der Kühlperioden sowie die O2- und CO2-Werte kontrolliert werden. Wöchentlich sollten die Kondensatwassermenge pro Raum bzw. Verdampfer sowie die Laufzeiten des Adsorbers und die Zufuhrzeiten von Frischluft- und Stickstoff geprüft werden.
Neuere Süßkirschensorten
Augustenberger Erfahrungen mit neueren Süßkirschen- und Zwetschensorten stellte Ute Ellwein, Obstbauberaterin im Landratsamt Karlsruhe, vor.
Die aus Italien stammende Sorte `Early Star´ ist eine relativ große (11-13 g), dunkelrote Kirsche, die im frühen Bereich durch regelmäßigen Ertrag überzeugt. Die Frucht ist fest und glänzend. „Der Kunde will große, glänzende Kirschen“, so Ellwein. „Im Discounter fehlt den Kirschen der Glanz. Hier können die Direktvermarkter ihre Stellung bewahren.“
Ebenfalls empfehlenswert ist laut Ellwein die französische Sorte `Bellise´. Diese Kirschsorte kann die Lücke nach `Burlat´ schließen. Die Fruchtqualität ist gut, sie ist fest und süß und die Größe ist ähnlich `Burlat´, jedoch mit einem besseren Ertrag.
Aus Tschechien stammt die Sorte `Vanda´, die ansprechende Früchte und gute Erträge mit wenig Ausfall liefert. Die dunkelroten Früchte reifen in der vierten Kirschwoche und sind platzfest.
Noch keine zehn Jahre in der Testung, aber schon verfügbar ist `Carmen´, der „Star unter den neuen Kirschsorten“, so Ellwein. Diese ungarische Sorte ist sehr vielversprechend. Sie ist mittelspät und bildet sehr große Früchte (14 g) mit einem ansprechenden Glanz.
Noch nicht verfügbar ist kanadische Nummersorte S13-49-24. Als vielversprechende attraktive Sorte stellte Ellwein diese Neuheit vor: groß, stabil, ertragreich und platzfest so die Eigenschaften.
Ebenfalls empfehlenswert laut Ellwein ist `Tamara´ aus Tschechien. Diese spätere Kirschsorte ist wenig platzanfällig, hat einen hervorragenden Geschmack und bildet sehr feste, große, dunkle, aromatische Früchte.
Neuere Zwetschensorten
Mit aromatischen Zwetschen sollen von saurer, geschmackloser Ware verschreckte Verbraucher zurückgewonnen werden. Zudem wird dem sich abzeichnenden Verzehrstrend von weniger Backzwetschen hin zum Frischkonsum Rechnung getragen.
Aus dem Umfangreichen Zwetschensortiment stellte Ellwein Sorten für den Markt sowie für die Direktvermarktung vor.
Eine Neuzüchtung von Dr. Hartmann, Hohenheim, ist `Hanka´. Sie ist eine interessante Sorte mit etwas größeren Früchten als `Katinka´. Diese mittelgroßen Früchte haben eine schöne Farbe: blau mit starker Beduftung, das Fruchtfleisch ist gelbgrün bis hellgelb. Allerdings ist der Baumbezug beschränkt, da die Bezugsrechte bei dem Deutschen Obstbaukonsortium liegen.
Von Dr. Jacob, Geisenheim, ist `Topfive´, eine Kreuzung aus `Cacaks Beste´ x `Auerbacher´. Sie bildet eine schöne, mittelgroße, etwas rundliche Frucht mit dunkelblauer Farbe. Der Ertrag ist etwas geringer als `Cacaks Schöne´. Allerdings zeigt sie eine etwas geringere Anfälligkeit für Monillia als `Cacaks Schöne´ und nicht so viele Doppelfrüchte.
Seinem Namen gerecht wird `Toptaste´, ebenfalls eine Züchtung von Dr. Jacob. Sie ist eine vielversprechende Sorte mit unproblematischem Baumaufbau und langem Erntefenster. Die geschmacklich überzeugenden Früchte sind süß und fest, groß, rundlich, blau mit starker Beduftung, das Fruchtfleisch ist gelbgrün. `Toptaste´ bereitet jedoch etwas Probleme mit der Steinlöslichkeit.
Ein Massenträger auch in schwierigen Zeiten ist `Freya´ von Dr. Hartmann, Hohenheim. Die Früchte hängen sehr dicht und sind mittelgroß, dunkelblau und stak beduftet. Das Fruchtfleisch ist bernsteinfarben-orange. `Freya´ ist Scharka-immun ähnlich `Jojo´ und ein sehr zuverlässiger Träger. Geschmacklich ist sie mittelmäßig, verfügt aber über eine gute Steinlöslichkeit.
Den „absoluten Renner“ für die Direktvermarktung stellte Ellwein mit der Sorte `Aprimira´ von Dr. Jacob vor. Sie erinnert an eine Aprikose, ist aber keine Aprikosenkreuzung. Diese Sorte hat eine gelb-rote Fruchthaut, leuchtend oranges Fruchtfleisch mit gutem Aroma. Der Ertrag ist hoch und regelmäßig. Allerdings ist `Aprimira´ Monillia-anfällig. Deshalb dürfen die Früchte nicht zu dicht hängen und müssen schnell vermarktet werden.
Eine ebenfalls interessante Sorte für die Direktvermarkter ist die Nummersorte Nr. 4801 von Dr. Hartmann. Die großen Früchte fallen mit ihrer grünen Farbe und auf und haben einen hohen Wiedererkennungswert. „Man muss anfangs die Kunden darauf hinweisen, dass die grünen Früchte bereits reif sind“, bemerkt Ellwein. Die Frucht ist fest und süßlich und etwas steinhaftend. Der Geschmack ist gut bis sehr gut. Zudem ist `Aprimira´ gut lagerfähig.
Abschließend stellte Ellwein eine interessante Spätsorte mit leichtem Pfirsich-Aprikosenaroma zum Frischverzehr vor: Nr. 4834 von Dr. Hartmann. Die Früchte sind groß, rötlich bis blau, leicht beduftet, aromatisch und haben ein oranges Fruchtfleisch.
Mechanische Blütenausdünnung
Seit drei Jahren werden auf dem Obstbau Lehr- und Versuchsbetrieb Augustenberg Versuche mit der mechanischen Blütenausdünnung durchgeführt. Die aktuellen Ergebnisse stellte Hermann Meschenmoser, Betriebsleiter des Versuchbetriebes, vor.
Im Frühjahr 2008 wurde für den Betrieb die mechanische Ausdünnmaschine Darwin 250 der Firma Fruit Tec angeschafft. Zunächst wurde mit alten Fäden gearbeitet, die im Jahr 2009 durch neue Schnurleisten ersetzt wurden. Die Maschine wird an der Fronthydraulik des Schleppers oder über eine Adapterplatte vorne am Zugmaul angebaut. Die Spindelneigung kann hydraulisch verstellt und somit dem Gelände oder der Baumform angepasst werden. Die Spindel wird mit dem Schlepper dicht an den Baumreihen entlang geführt und schlägt dabei Blütenbüschel und einzelne Blüten ab. Die Stärke der Ausdünnwirkung ist abhängig von der Fahrgeschwindigkeit und der Spindeldrehzahl, die sich vom Schlepper aus regeln lässt. Bei Bäumen mit wenigen Blüten kann die Spindel schnell gestoppt werden, um eine Überdünnung zu vermeiden. Je nach Wahl der Maschinenhöhe können Bäume von 2,5 m bis 3,5 m Baumhöhe ausgedünnt werden.
Der Einsatzzeitpunkt der Maschine ist, wenn die Königsblüte und ein bis zwei weitere Blüten pro Blütenbüschel offen sind. „Ein zu später Einsatz kann zu Fruchtschäden führen“, betonte Meschenmoser. Der Einsatz ist wetterunabhängig möglich. Im Gegensatz zur chemischen Ausdünnung spielen Temperatur und Luftfeuchtigkeit keine Rolle.
Nach Meschenmosers Erfahrungen ist die Ausdünnmaschine Darwin ein wirksamer Baustein zur Ausdünnung. Eine Wirkung der Maschine ist sichtbar, so dass die Maschine in der Praxis eingesetzt werden kann. „In den Apfelanlagen haben wir gute Ergebnisse“, so der Obstbauer. „Bei der Birne wollen wir noch weiter beobachten, ob sie auch bei der `Vereinsdechant´ einsetzbar ist.“ Jedoch trotz guter Ergebnisse kann die Maschine nicht als alleiniger Ersatz für die chemische Ausdünnung und die Handausdünnung gesehen werden. Durch Anpassung der Baumformen – schlanke Bäume – ist ein Einsatz auch im Steinobst denkbar. Abschließend empfiehlt Meschenmoser, anfänglich bzw. bei kritischen Sorten zunächst die Maschine zu testen und nur halbseitig auszudünnen.
Birgit Scheel






