Mit „Sicherheit“ Hagelschläge erfolgreich überstehen

Das Bodenseegebiet wurde in der aktuellen Vegetationsperiode bereits von mehreren Hagelschlägen getroffen. Neben den teilweise hohen Windgeschwindigkeiten ist vor allem die Dimension der hiervon betroffenen Flächen bislang ungewöhnlich. Auch die zeitliche Dauer des Hagelschlages am 26. Mai 2009, welcher vor allem im nördlichen Gebiet massive Schäden angerichtet hat, ist sicherlich als extrem einzustufen. Es stellt sich die Frage, ob solche intensiven Hagelphänomene zukünftig immer wieder zu erwarten sind. Hierauf verbindliche Auskunft zu erteilen, dürfte auch für Meteorologen nicht ganz einfach sein.
Unabhängig von der Beantwortung dieser Frage scheint klar, dass der intensiv wirtschaftende Profibetrieb seine Risiken bzw. gewisse Schadenszenarien kennen und beherrschen muss. Diese unterliegen einerseits der individuellen betrieblichen Bewertung, andererseits gibt es sicherlich auch unterschiedliche Lösungswege, mit diesen Risiken umzugehen. Einer dieser Lösungsansätze ist der Bau von Hagelschutzsystemen. Hiermit wird Produktionssicherheit hergestellt und dafür gesorgt, dass nachgelagerte Investitionen, wie Lager-, Sortier- und Packeinrichtungen ausgelastet werden. Dies führt in letzter Konsequenz zu einer Optimierung der Fixkostenstrukturen. Nebenbei kann der Betrieb mit der Investition in Schutzsysteme zusätzliche Personalkosten sparen, da Aufwendungen für eine notwendige selektive Pflücke nicht anfallen.
Sind Investitionen in Schutzsysteme auch sicher bei Extrembelastungen?
In den Haupthagelgebieten im westlichen und nördlichen Bodenseegebiet haben viele Schutzsysteme die betroffenen Landwirte vor größeren Schäden bewahrt. Die Systeme wurden teilweise durch den 30- bis 40-minütigen Hagelschlag in besonderer Weise belastet. Vereinzelt gab es Schäden an den Systemen. Diese ließen sich jedoch im Wesentlichen mit relativ geringem Aufwand wieder instandsetzen.
Für Anbieter von Schutzsystemen stellt sich nach solchen Ereignissen immer generell die Frage nach möglichen Optimierungspotenzialen. So lassen sich auch dieses Mal wieder Erkenntnisse ableiten, welche die Systeme zukünftig noch sicherer machen werden.
Wo sind die Problemfelder und mögliche Lösungsansätze?
Die Außenabspannungen
In größerem Maße wurde festgestellt, dass Anlagen durch die enormen Belastungen an den Außenflanken abgesunken waren. Nun wird diese Problematik in der fachlichen Diskussion oft mit Betongerüsten in Verbindung gebracht. Zu erkennen war nach diesem 26. Mai 2009, dass exponierte Bereiche von Holzuntergerüsten teilweise bis zu 20 cm abgesunken waren. Eine Erkenntnis, welche in dieser Ausprägung etwas Verwunderung auslöste, jedoch aufgrund der sehr guten statischen Eigenschaften von Holzsäulen, zu keinen nennenswerten Schäden führte. Bei Hagelschutzsystemen mit Betonuntergerüst wird das Absinken inzwischen durchweg mit Hilfe von Absinkplatten aus Metall verhindert. Notwendig hierbei ist jedoch, dass diese Platten dann in einer Weise fixiert wurden, dass ein Nachrutschen der Säulen unmöglich macht.
In der Branche bekannt und kommuniziert ist, dass Betongerüste zwar enorme Druckbelastungen überstehen, jedoch in statischer Hinsicht gewisse Defizite aufweisen und spezielle Anforderungen an eine optimale Abspannungssituation stellen. Diesem gerecht zu werden, fängt bei der Flächenplanung an und endet bei der sorgfältigen Ausführung der Installationen.
Welchen Einflüssen die Systeme durch Hagel und Sturm ausgesetzt sind, sehen wir bislang als gegeben und nicht beeinflussbar (außer vielleicht durch geeigneten Windschutz). Die Art und Weise, in welcher die Systeme mit Extrembelastungen fertig werden, sehen wir jedoch eindeutig als beeinflussbaren Faktor. Hierbei könnten beispielsweise belastungsreduzierende Netzsysteme, in Form von Trampolinsystemen eine gewisse Rolle spielen. Da diese Systemvarianten bisher deutlich kostenintensiver waren und aufgrund der erheblich breiteren Netze zusätzliche Schattierungseffekte brachten, sind Trampolinsysteme in der Bodenseeregion eher selten vorzufinden. Bei fortgesetzten Extremphänomenen wird eine Diskussion über diese Systemvarianten geführt werden müssen.
Großer Einfluss ist bei der statischen Auslegung der Anlagen gegeben. Hierbei spielen die Abspannungen eine erhebliche Rolle. Neben den Dimensionierungen der Stangen und der Wahl der geeigneten Anker, ist vor allem das Platz- bzw. Flächenangebot an den Außenflanken entscheidend. Eine optimale Abspannungssituation abzusichern, ist sicherheitsrelevant und essentiell für das Bestehen der Anlagen. Dies umso mehr, je größer die Flächenzuschnitte sind, welche geschützt werden sollen. Auch ist zu beachten, dass in vielen Regionen Deutschlands ein Trend zu höheren Baumformen zu beobachten ist. Somit müssen auch die Bauhöhen der Systeme angepasst werden. Höhere Systeme fordern jedoch auch bessere Absicherungen an den Außenflanken.
Statische Berechnungen belegen, dass ungünstige Einstellwinkel der Außensäulen und unzureichende Abstände zu den jeweiligen Ankern zu einer Verdreifachung bzw. Vervierfachung der Druckbelastung an den Außensäulen führen können. Unter diesem Gesichtspunkt ist es dann auch nicht überraschend, dass Säulen, welche in dieser Weise eingebaut wurden, absinken können.
Die Kappensysteme
Besonders im Bereich der Kappensysteme gab es Problemstellungen, welche einer Lösung zugeführt werden mussten. Anlagen, welche Nord-Süd gepflanzt wurden und damit Breitseite zur Hagel- und Sturmfront standen, waren offensichtlich einer Drucksituation ausgesetzt, der die Verschraubungen auf dem First nicht standhielten. Das Ergebnis waren schräg stehende Säulen und von den Betonsäulen abgezogene Kunststoffkappen. Dies stellt für die betroffenen Anlagen deshalb ein Problem dar, weil die Kultur über die Säulen durch Spanndrähte gehalten wird. Befinden sich diese Standsäulen am First nicht mehr in der vorgesehenen Kreuzverspannung (Längs- und Querrichtung), so besteht die Gefahr, dass innerhalb einer bestehenden Außenabspannung Kulturreihen umkippen können.
Hier wurde einerseits in der Region mit entsprechenden Sofortmaßnahmen reagiert, anderseits befinden sich Produktentwicklungen in der Realisierungsphase, welche dieses Problem zukünftig einer konsequenten Lösung zuführen werden.
Die Netzgewebe
Nach solchen Hagelphänomenen stellt sich regelmäßig die Frage nach der Belastungsfähigkeit von Netzgeweben. Grundsätzlich ist heute bekannt, welche Belastungen je Quadratmeter ein neues Netzgewebe aufnehmen kann. Auch bekannt sind die Bruchlasten der einzelnen Fadentypen und Fadendimensionen. Diese grundsätzlichen Informationen reichen jedoch alleine nicht aus, um aufgetretene Schäden zu erklären. Es stellen sich zusätzlich Fragen nach der UV-Stabilität bzw. dem Zustand des Netzes nach mehreren Jahren Praxiseinsatz. Ebenso sind Detailfragen hinsichtlich der Installation, der verwendeten Plakettensysteme, der Netzauflage, der Netzspannung, der Flächentopographie und der Pflanzausrichtung wichtige Parameter, will man eine etwas differenziertere Analyse anstellen.
Oft genug lassen sich Problemstellungen nicht ursächlich auf einen Einflussparameter zurückführen, sondern unterliegen einem Mix an Faktoren. Daraus resultierend sind Lösungsansätze gefragt, welche eher das System „Netz“ als Ganzes bearbeiten. Themen, wie die Verbesserung der UV-Stabilität, Fragen der Fadenzuordnung und Fadenverteilung in den Netzgeweben, die Dimensionierung der einzelnen Fäden, das Nähen oder die Verwendung spezieller neuartiger Firstsysteme und zuletzt die allgemeine Frage nach der Netzfarbe, stehen besonders im Interesse aller Beteiligten und werden teilweise sehr kontrovers diskutiert.
Für uns haben im Moment jedoch statische Fragen eine gewisse Priorität (ohne das Netzthema zu vernachlässigen), da hierdurch der Bestand der Anlagen in Gefahr ist und der wirtschaftliche Schaden existenzielle Dimensionen erreichen kann. Zugegebenermaßen handelt es sich hierbei um Detailfragen, mit welchen „Hagelschutzeinsteiger“ zunächst nicht viel anfangen können.
Unabhängig dieser Details sind wir der Überzeugung, dass auf der betrieblichen Seite die spezifischen Sicherheitsanforderungen von Hagelschutzsystemen sehr früh bei der Flächen- bzw. Kulturplanung berücksichtigt werden müssen; also ein Hagelschutz als selbstverständlicher Bestandteil der betrieblichen Planung.
Darüber hinaus definiert sich „Systemsicherheit“ deutlich umfassender und komplexer als bisher. Neben der Sortimentsabstimmung geht es um Fragen der Beschaffung, Logistik und der Absicherung der Produktqualitäten. Ziel muss es sein, der Praxis ein abgestimmtes und technisch schlüssiges Systemkonzept anzubieten. Hierzu gehören auch Informationen hinsichtlich der Montage. Somit übernehmen Anbieter zunehmend die „Systemführerschaft“ und werden zukünftig in Fragenstellungen der Montageausführung noch mehr eingreifen.
Insofern ist die Zeit reif für Qualitätspartnerschaften, welche alle an der Leistungserstellung Beteiligten näher zusammen bringen.
Mehr Qualität für mehr Sicherheit.
Rudolf Holzwarth, Leiter BayWa Obst- und Hopfenzentrum Tettnang







